Yoga und Focusing gezielt einsetzen?

Kann man Yoga / Focusing auch zur Lösung konkreter Lebensfragen (z.B. bei wichtigen Entscheidungen) einsetzen, oder lässt sich Yoga / Focusing nicht so direkt instrumentalisieren?

Liebe Yoga-Übende,
es ist interessant, dass du in deiner Frage Yoga und Focusing gleichsetzt. Focusing wurde als Methode der Selbsthilfe entwickelt, mit der man eigene Probleme lösen kann. Aber die Lösung kommt nicht auf dem direkten, üblichen Weg (sonst wäre das Problem ja schon längst gelöst!), sondern aus einer inneren Offenheit, aus einer liebevollen Haltung unserem eigenen Erleben gegenüber. Das ist ganz praxisbezogen! Und es lässt sich auf alles anwenden – auf Lebensfragen genauso wie bei der Planung des Mittagessens.
Für mich ist Focusing tatsächlich eine praktische Anwendung von Yoga, denn die Weite, aus der der berühmte „nächste Schritt“ kommt, den es ja immer nur braucht, ist genau dieselbe Weite, in die uns die Yoga-Erfahrung auf der Übungsmatte oder dem Sitzkissen führt: eine innere Präsenz und Klarheit, die uns handlungsfähig macht.
Es ist also gar nichts dagegen einzuwenden, dass wir Focusing (und Yoga) konkret anwenden, im ganz gewöhnlichen Lebensalltag. Im Gegenteil! Denn nur durch die praktische Anwendung wird sich unsere innere Haltung wandeln, in Richtung Vertrauen auf das Leben und uns selbst. Das ist dann die spirituelle Erfahrung, die nicht auf Wunschdenken beruht, sondern auf echter, erstaunlicher und schöner Erkenntnis.

Yoga und Sterben

Setzen wir uns beim Yoga-Üben mit den Themen Tod und Sterblichkeit auseinander?

Ja, obwohl wir im normalen Unterricht nicht sehr oft darüber sprechen.

Patañjali zufolge erkennen wir die Wirklichkeit, sobald die innere Schau klar und strahlend ist. Bevor er den Yoga-Weg erläutert, der in diese Klarheit führt, analysiert er, was diese klare Schau trübt. Diese Hindernisse bezeichnet er als kleśas. Es zeigt sich, dass sie alle – Unwissenheit, insbesondere über das eigene Ich, Verlangen und Abneigungen – Spielarten der Furcht vor dem Tod sind, der existenziellen Verlustangst. Deshalb war der allererste „Yoga-Lehrer“, der den Begriff „Yoga“ in einem spirituellen Sinn gebraucht, kein anderer als Yama, der Gott des Todes (in der Kaṭha-Upaniṣad).

Yoga ist also von Anfang an darauf angelegt, die Furcht vor dem Tod zu überwinden, und damit auch die Furcht vor dem Leben.

Yoga und Beziehungen

Verändert Yoga-Praxis die Beziehungen (Familie, Beruf, Freundschaft …)?

Diese Frage würde ich gerne zurückgeben – was ist deine eigene Erfahrung?
Nachdem Yoga die Persönlichkeit in Richtung Freiheit von alten Prägungen verändert, kann es gut sein, dass sich auch das persönliche und gesellschaftliche Umfeld ändert.
Das kann eine interessante Anregung für einen Austausch sein. Wie hat Yoga Eure Beziehungen verändert? Was hat sich nicht verändert?

Tränen im Yoga

Wenn ich Yoga übe, fließen mir manchmal die Tränen. Warum ist das so?

Manchmal berührt eine Yoga-Übung einen inneren Schmerz. Falls dich etwas beunruhigt, spreche deine Lehrerin oder deinen Lehrer bitte gleich darauf an!

Es gibt aber auch eine andere Art der Tränen, die – so klingt es in deiner Beschreibung – einfach fließen, ohne dass besondere Gefühlsbewegungen damit verbunden wären. Am ehesten könnte man das vielleicht als „Tränen der tiefen Erleichterung“ bezeichnen. Den Schriften zufolge ist das nichts Ungewöhnliches. Eine Erklärung dafür, warum das geschieht, habe ich nicht, aber es scheint einleuchtend, dass diese „Erleichterungstränen“ eine Körperreaktion ist, die mit dem Nachlassen innerer Anspannung einhergeht. Dann ist es eine beglückende Erfahrung!

Gefühle

Woher kommen die Gefühle? Wie soll ich mit Gefühlen umgehen? Wie kann ich beobachten, ohne zu denken?

Das sind drei Fragen in einer! : )

Jede davon richtet sich auf eine unterschiedliche Ebene.

Was sind Gefühle? Das ist Definitionssache! Psychologen werden darauf andere Antworten geben als Biologen oder Philosophen. Die (Yoga-)Sāṁkhya-Philosophie bezeichnet Gefühle als vṛttis, als innere Bewegungen, inneren Aufruhr. Ob es angenehme oder unangenehme Gefühle sind, spielt dabei keine Rolle. Die inneren Bewegungen entstehen, wenn etwas, was wir wahrnehmen, auf uns Eindruck macht – meistens heißt das, frühere Eindrücke verstärkt.

Wie sollst du damit umgehen? Im Yoga gibt es kein „Sollen“ – es geht nicht darum, etwas „richtig“ zu machen. (Das zu verstehen, erleichtert die Gefühle langfristig!) Was du tun kannst, ist die vṛttis als solche zu erkennen. Nicht: sie zu unterdrücken, denn das würde sie nur verstärken, sondern willkommen zu heißen, mit wohlwollender Neugier. Wie das gehen kann, zeigt Focusing.

Focusing und Sāṁkhya bieten auch praktische Beispiele und eine theoretische Erklärung für deine dritte Frage nach dem „Beobachten ohne zu denken“. Mit „denken“ ist hier das gemeint, was mein Lehrer Friedrich Schulz-Raffelt als „kurbeln“ bezeichnet hat – das übliche Nachdenken und gezielte Suchen nach Lösungen, oder auch das Bewerten von Wahrnehmungen. Wie das Beobachten ohne denken „geht“, hast du zumindest in unseren Yoga-Stunden bestimmt schon häufig erlebt: Eine Bewegung geschieht, ohne dass du dich darum bemühst, und weil du dich nicht anstrengst, es „richtig“ oder „besser“ zu machen, nimmst du deine eigene Bewegung viel intensiver wahr. Dann beruhigen sich die inneren Bewegungen, das Denken und das Fühlen.

Wie du das Denken und Fühlen direkt beobachten kannst, ist die Spezialität von Focusing. In der Sprache des Sāṁkhya-Yoga geschieht dann unmittelbare Wahrnehmung: Der Einsichtsfähigkeit, die manchmal als buddhi bezeichnet wird, wirkt dann direkt, ohne durch frühere Eindrücke getrübt zu werden, und damit ohne inneren Aufruhr.

Ich muss gestehen, dass ich mit dieser Antwort nicht ganz glücklich bin, weil sie doch recht theoretisch klingt. Falls es dir auch so geht, frage bitte noch mal konkreter nach – ich würde mich freuen!

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