Üben, nicht gut sein zu wollen

Ich übe Yoga, weil ich etwas verändern will. In Yoga üben wir, nicht „gut“ sein zu wollen.
Wie kann ich diesen Widerspruch auflösen und mir Veränderung für mich selbst wünschen, ohne „besser“ werden zu wollen?

Liebe Yoga-Übende,

ja, das klingt wirklich paradox! Deine Frage macht ganz deutlich, dass zwischen Yoga und z.B. Methoden der „Selbstoptimierung“ ein großer Unterschied besteht. In Yoga geht es nicht darum, etwas zu können oder zu wissen, es geht nicht um „Leistung“, sondern um innere Gelassenheit und Lebendigkeit. Beides entsteht nur, wenn wir nicht unter Druck stehen. Deshalb betonen die Yoga-Schriften (z.B. Patañjali), dass āsana, die „in sich ruhende Haltung“ nur „ohne Willenseinsatz“ erreicht werden kann. Warum? Weil der Wille ein bestimmtes Ziel vorgibt, das erreicht oder nicht erreicht werden kann, und damit neuen Druck aufbaut. Wird man nicht sofort noch ärgerlicher, wenn jemand sagt: „Beruhige dich!“?

Yoga sagt uns nicht, dass wir „falsch“ sind und „anders“ werden müssen. Wir brauchen nicht einmal den Wunsch nach Veränderung aufzugeben! Der Weg ist, diesen Wunsch zu bemerken, und „mit ihm“ da zu sein, oder, allgemeiner gesagt: mit uns selbst zu sein, ohne Gedanken und Gefühle zu unterdrücken oder sich von ihnen bestimmen zu lassen. Wenn du ihn bemerkst, ohne dich ihm zu „unterwerfen“, ist der Wunsch nach Veränderung ein äußerst hilfreicher Antrieb.

Die Körperübungen des Yoga sind der Schlüssel dazu! Denn der Körper ist immer „hier und jetzt“. Im Körper können wir leichter üben, wie es ist, ohne Leistungsdruck zu sein: Wie fühlt sich diese oder jene Bewegung an? Wie fließt der Atem, wenn die Muskulatur sich entspannt, welche inneren Räume entstehen? Diese Erfahrung von innerer Weite und Absichtslosigkeit verändert – nicht uns selbst, aber unser Erleben! Und von da aus ergeben sich Veränderungen in unserem Leben, die nachhaltig sind, weil sie sich nicht auf ein gedachtes Ziel ausrichten, sondern als natürliche Selbstentfaltung geschehen.

Tun und nicht tun

Wie kann ich Yoga üben, also etwas tun, und gleichzeitig nichts tun, sondern nur Beobachterin sein?

Das ist die entscheidende Frage! Yoga üben ist eigentlich genauso „tun“ wie „geschehen lassen“ – kein „tun“ im Sinne von zielgerichtetem Bewirken. Eine gute Möglichkeit, diesen wunderbaren Gleichgewichtszustand zwischen beidem zu erfahren, sind zum Beispiel Übungsreihen, in denen sich Abläufe fließend und mühelos wiederholen. Am Anfang ist es „interessant“, herauszufinden, wie es „geht“ und Vertrauen zu gewinnen. Wenn du dabei bleibst und vielleicht auch den Atem den Rhythmus zur Bewegung geben lässt, so dass du nicht einmal entscheiden musst, wann eine Bewegung beginnt und endet, kann sein, dass du eine innere Veränderung bemerkst: Du bist da, wach und präsent, du erlebst die Bewegung sogar viel intensiver als zuvor, aber es legt sich sozusagen kein „Deutungsmuster“ darüber, keine Bewertung, und demnach geschieht auch keine Ablenkung. So lässt sich „Tun als Nicht-Tun“ ganz konkret im Körper erfahren und genießen.

Beständig

Wie oft soll man Yoga üben?

So oft es dir ein Bedürfnis ist oder für dich passt!

Mein Lehrer Friedrich Schulz-Raffelt erzählte gerne, dass er manchmal in der Fragerunde nach einem Yoga-Vortrag gefragt wurde, wie oft er selbst denn Yoga üben würde. „24 Stunden am Tag!“, war seine strahlende Antwort. Das geschieht, wenn erkannt wurde, dass „alles Leben Yoga ist“, wie Śrī Aurobindo es formuliert hat.

Yoga im Kurs

Was ist der Vorteil davon, Yoga in einem Kurs zu üben?

Yoga im Kurs zu üben, bringt viele verschiedene Vorteile.

Zu den wichtigsten zählen für mich:

  • die Regelmäßigkeit:
    Einen Kurs zu buchen ist wie eine regelmäßige Verabredung mit mir selbst! Der Platz ist im Kalender freigehalten, ohne dass ich mir diese Zeit für mich selbst eigens einräumen  müsste.
  • Raum für Nicht-Denken:
    Yoga-üben ist Selbsterfahrung. Das macht die erfrischende Wirkung aus! Selbsterfahrung heißt, absichtslos mit sich selbst zu sein, anstatt – wie im Alltag – unter Leistungsdruck zu stehen. Dieser Leistungsdruck fällt ab, wenn jemand anderes da ist und diese Absichtslosigkeit und offene Weite ausstrahlt. Kann ich mich auf die Anleitung dieses Jemand einlassen, weil ich die Person und ihren Stil mag (das ist Geschmackssache!), brauche ich in dieser Zeit des Yoga-Übens nicht mehr „Regisseurin“ meiner selbst zu sein ohne ganz „abzuschalten“. So entstehen Präsenz und Leichtigkeit.
  • die Gruppe!
    Wenn ich ganz bei mir selbst bin, erfahre ich eine innere Verbundenheit mit anderen, die keiner Worte, keiner Beteuerungen, keiner Bestätigung bedarf. Dieses Erleben kann geschehen … Das ist Yoga.

Offenheit

Was ist Offenheit im Sinne des Yoga? Welche Yoga-Übungen helfen mir, offener zu werden?

Was mir dazu aber in den Sinn kommt, ist ein außergewöhnlicher Vers aus einer taoistischen Schrift (dem Bi-yän-lü, der Niederschrift von der Smaragdenen Felswand), in dem ein Weiser sagt: „Offene Weite – nichts von heilig!“ Ein zweiter Weiser stellt ihm daraufhin die Frage: „Was ist das, uns gegenüber?“ „Ich weiß es nicht!“, lautet die Antwort.
In diesem Sinne, als Vorurteilsfreiheit, ist Offenheit auch ein Teil von Yoga. Tatsächlich ist sie die Voraussetzung für wahre Unterscheidungsfähigkeit (viveka), die sich nicht auf oberflächliche Unterschiede bezieht, wie „angenehm“ und „unangenehm“, sondern auf die Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und dem Vergänglichen.
Patañjali schlägt eine Übung vor, die genau darauf abzielt: Wenn du einen starken Gedanken bemerkst, dann setze ihm sein Gegenteil entgegen! In meiner Focusing-Ausbildung haben wir zum Beispiel damit experimentiert, uns zu fragen, was eine Person, die wir „nicht mögen“, an bewundernswerten (oder sogar beneidenswerten?) Eigenschaften hat – das hat verblüffende Ergebnisse gebracht.

Natürlich schult auch jede Körperübung Vorurteilsfreiheit, weil eigene Erfahrungen das einzige Mittel gegen Vorurteile sind. In meinen Unterrichten weise ich oft darauf hin, dass körperliche Anspannung eigentlich ein Vorbehalt auf muskulärer Ebene ist. Sobald das bewusste Erfahren des Körpers und seiner Energie im Zusammenspiel mit der Schwer- und Aufrichtekraft die innere Anspannung löst, löst sich auch die angespannte Muskulatur, und umgekehrt. Die Vorbehalte und Sorgen weichen einem vorbehaltlosen Staunen, das gar keinen besonderen Grund braucht. Das ist die „offene Weite“ (ohne „Heiliges“) des taoistischen Weisen!

Wozu Lehrer?

Welche Rolle spielt die Lehrer-Schüler-Beziehung beim Yoga-Üben? Braucht jeder Yoga-Schüler einen Yoga-Lehrer?

Das Yoga-Wissen ist kein intellektuelles Wissen. Deshalb heißt es, dass es nur „von Herz zu Herz“ weitergegeben werden kann. Die ersten Yoga-Übenden, von denen die Upanischaden berichten, haben ihre Erfahrungen selbst gemacht, oder wurden vom Feuer oder auch Tieren unterwiesen. Die Rolle der „geistigen Lehrer“ war es, diese Erfahrung zu bestätigen oder nicht zu bestätigen, damit die Suche fortgesetzt und weiter vertieft wird. Hier sprechen wir natürlich nicht von „Yoga-Übungsleitern“!

Im Yoga Vāsiṣṭha und anderen Schriften wird häufig auf dieses Paradox hingewiesen: Dass man die Yoga-Erfahrung nicht durch die Schriften erlangt, und auch nicht durch die Lehrer, doch auch nicht ohne sie.

Üben mit Audioaufnahmen

Hast du eigentlich auch Audioaufnahmen zum Üben für daheim?

Bis jetzt noch nicht, obwohl ich manchmal danach gefragt werde.
Andererseits frage ich mich, was auf einer solchen Aufnahme sein könnte. Denn was ich in einer Unterrichtsstunde sage, wie ich uns durch eine Reihe von aufeinander abgestimmten Übungen in die ruhige Gelassenheit der Meditation führe, ist ja kein allgemeines „Programm“, sondern ganz bezogen auf unseren vorhergehenden Austausch im Gespräch und die besondere Atmosphäre, die entsteht, wenn gerade diese Menschen gemeinsam üben. Die konkreten Übungsanweisungen machen nur einen kleineren Teil dessen aus, was ich während des Übens spreche; es geht eher um das Erfahren „zwischen“ den Übungen als um das konkrete Tun. Es könnte sein, dass sich das nicht konservieren und auch nicht auf andere Menschen und Situationen übertragen lässt.
Auf jeden Fall ist deine Frage auch ein Kompliment für den Unterricht, über das ich mich sehr freue – herzlichen Dank dafür!

Zum Üben zuhause oder unterwegs empfehle ich unsere neue Yoga-App: Inspirationen für jeden Tag mit der Bhagavad Gītā.

Draußen üben

Kann ich auch draußen, zum Beispiel im Garten oder Park, Körperübungen „machen“ und meditieren?

Ja, natürlich! Überall in Indien meditieren Yogis im Freien, sei es auf Berggipfeln oder an der Ecke einer belebten Straßenkreuzung einer Großstadt.

Natürlich ist das nur etwas für „Fortgeschrittene“, die geübt darin sind, sich nicht durch äußere Einflüsse ablenken zu lassen – durch Lärm, schwirrende und krabbelnde Insekten oder eine „schöne“ Aussicht. Deshalb empfiehlt die Bhagavad Gītā für die Meditationsübung den Rückzug an einen windgeschützten, ruhigen Ort mit möglichst wenig äußeren Störquellen, seien sie „unangenehm“ oder „angenehm“.

Die wesentliche Yoga-Übung – das Beobachten des eigenen Erlebens im Körper – ist natürlich jederzeit und an jedem Ort möglich, ebenso die Beobachtung des Atems oder die Beobachtung eines Mantras in mir selbst (japa).

Die Essenz

Was ist im Yoga-Üben unverzichtbar? Was macht eine Yoga-Übung aus?

Eine elegante Antwort auf diese Frage gibt Swami Veṅkaṭeśānanda in seinem Kommentar zum Yoga-Sūtra (I.12), die zufällig eine meiner Lieblingsstellen in den Schriften unserer Schule ist. Er sagt: Eine Übung ist dann eine Yoga-Übung, wenn die Ziele des Yoga dabei nicht vergessen werden und wenn sie von unmittelbarer Bedeutung für dein eigenes Leben ist. „Sonst ist es keine Yoga-Übung“, fügt er hinzu. Das mag streng klingen, aber es klärt die Sache!

Was sind die Ziele des Yoga und was haben sie mit dir persönlich zu tun – oder du mit ihnen? Wenn du diese Frage nicht beantwortest, sondern im Blick behältst, bist du auf jeden Fall auf dem richtigen Weg!

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