Yoga und Religion

Ich bin gläubig und frage mich immer öfter, ob Yoga und meine Religion nicht „eins“ sind. Und ich sage JA. Es geht letztlich um meine Energie, die wiederum ein Teil der „allumfassenden Energie“ ist. ODER?
Ich finde die Vorstellung so einfach und so gut! Und sie beruhigt mich so sehr.

Liebe Übende,

danke für das Teilen deiner Erfahrung. Die einfache Antwort: Ja!
Der Beleg: Dein eigenes Erleben. Genau das ist, worum es geht.
Die ausführlichere Antwort: Ja! Das ist die Yoga-Erfahrung: „Einssein ohne ein Zweites“, also ohne die Erfahrung von Getrenntsein, Verlust und Isolation, und – genau – das ist zutiefst beruhigend und befreiend.
Yoga ist keine „Religion“, weil Yoga nicht auf allgemeinen Dogmen beruht. „Religion“ ist eine soziologische Kategorie zur Unterscheidung verschiedener Deutungen der Wirklichkeit, Yoga hingegen bezieht sich auf das unmittelbare Erfahren.

Swami Śivānanda hat immer betont, dass die Einsichten der Mystiker aller Weltreligionen in vollkommener Übereinstimmung miteinander sind. Ganz gleich, wo und wie du gräbst – wenn du lange genug gräbst, stößt du immer auf dasselbe Wasser. Ganz gleich, von welcher Seite aus du einen Berg besteigst – die Schau vom Gipfelpunkt aus ist immer dieselbe! Unterschiede bestehen nur „in den Niederungen“ oder bei oberflächlicher Betrachtung.

Körper im Yoga

Was ist die Bedeutung des Körpers auf dem Yoga-Weg?

Ich bin mir nicht sicher, ob der Körper eine Bedeutung hat, aber er ist jedenfalls da, und er ist sehr hilfreich, weil er der Ort ist, oder das „Feld“, wie es in der Bhagavad Gītā heißt, den wir beobachten können – im Gegensatz zur äußeren Welt oder dem großen „Feld“ des Universums, das für uns zu unübersichtlich ist, um es erkennen zu können. Diese Ansicht geht davon aus, dass alles, was im Kosmos wirkt, auch im Körper wirkt, der Teil dieses Kosmos ist. Falls es ein universelles Bewusstsein gibt, das allgegenwärtig ist, dann muss es auch irgendwie in mir selbst zu finden sein, auch wenn ich mir das nur schwer vorstellen kann.

Jedenfalls ist der Körper „der nächstliegende Ort für Beobachtungen“, wie Swami Veṅkaṭeśānanda es einmal formuliert hat. Hier ist allerdings nicht der „gewöhnliche Körper“ gemeint, sondern – wie Focusing-Leute sagen – der „von innen gefühlte Körper“, zu dem – wiederum aus (Sāṁkhya-)Yoga-Sicht – auch die Persönlichkeit gehört, also die psychischen Prägungen, aus denen Vorlieben und Abneigungen kommen.

Eine (von vielen) Möglichkeiten von Körpererfahrung im Yoga besteht darin, den Körper (und Geist) in Bewegung zu bringen, sie dabei zu beobachten, und so zu einer inneren Stille und Klarheit gelangen, in der der Körper (und die inneren Bewegungen) nicht ablenkend und störend wirken. Das ist der sogenannte Yoga-Zustand.

Yoga und Selbsterkenntnis

Was bedeutet Selbsterkenntnis im Kontext von Yoga?

Liebe Yoga-Interessierte,

Selbsterkenntnis ist die Essenz und das Ziel von Yoga. Wer sich die Frage „Wer bin ich?“ ernsthaft stellt, wird dieses Ziel zweifellos erreichen, wie besonders der indische Weise Ramana Maharshi betont hat.
Die Antwort deuten die Upanischaden an: Das persönliche Selbst, das wir für gewöhnlich mit dem „Ich“ verwechseln, ist tatsächlich nichts anderes als kosmisches Bewusstsein – die frühesten Yoga-Lehren bezeichnen es als „Brahman“.

Diese theoretische Antwort  ist nutzlos – außer insofern sie neugierig macht! Wie kann sie zu einer Erleuchtung werden? Durch eigenes Erfahren, in der Meditation, der Körperübung, dem gewöhnlichen Alltag – also durch praktische Selbsterkenntnis, die nicht als sprichwörtlicher „erster Schritt zur Besserung“ abgetan wird, sondern aus echter Neugier, ernsthaft und spielerisch geschieht.
Weitere Nachfragen sind willkommen!

OṀ

Was ist OṀ? Wie kann ich mich auf OṀ einlassen?                                                                                                   

Das ist eine ausgezeichnete und wichtige Frage! Mit den verschiedenen Antworten, die es allein auf den ersten Teil der Frage gibt, lassen sich leicht ganze Bücher füllen.

OṀ ist eine bīja-(Keim-)Silbe, es ist also kein Wort mit einer gegenständlichen Bedeutung. OṀ ist das bekannteste Mantra – also ein Laut, auf dessen (hörbare oder unhörbare) Schwingung man sich als Übung konzentrieren kann. Von OṀ heißt es, dass es ein Symbol für das höchste Bewusstsein ist. In seiner Erläuterung von Patañjalis Yoga-Sūtras vergleicht Swami Veṅkaṭeśānanda OṀ mit dem Brausen des Windes, dem Tosen eines Feuers, dem Brummen von Maschinen und Treiben eines fernen Karnevalszuges: Es ist die eine Grundschwingung in allem, sowie das eine Bewusstsein in allem „schwingt“.

Das sind also drei Möglichkeiten, sich auf OṀ einzulassen:

  • OṀ hörbar wiederholen,
  • OṀ lautlos wiederholen
  • OṀ wahrzunehmen, ohne etwas Besonderes zu tun.

Die Māṇḍukya-Upaniṣad setzt in ihrer Erläuterung von OṀ die einzelnen Laute, aus denen sich diese Silbe zusammensetzt – A, U, M – mit den drei gewöhnlichen Bewusstseinszuständen gleich, die wir täglich durchlaufen: dem Wachen, dem Träumen oder Denken und dem höchst friedvollen Zustand des Tiefschlafs. Die Stille, die auf OṀ folgt und zu OṀ gehört, entspricht dem Bewusstsein selbst, das alle diese Zustände annimmt, ohne sich dabei zu verändern. Darüber kann man meditieren, und man kann es auch im Alltag studieren.

Lotusblüte

Warum ist die Lotusblüte ein häufiges Symbol für Yoga-Schulen?

Als ich vor etwa 15 Jahren eine Lotusblüte als Symbol für Yogapur gewählt habe, war ich besonders davon berührt, dass die Seerose ihre makellose Blüte entfaltet, obwohl und weil sie im tiefen Schlamm gründet. Das ist für mich das Wesentliche am Yoga-Üben: Dass wir nicht versuchen, abzuheben, sondern im Gegenteil gerade das „Schlammige“ in uns als Nährstoff nutzen, dass sich die Übung auf meinen ganz gewöhnlichen Alltag und mein ganz gewöhnliches Erleben bezieht, anstatt es auszuklammern.

In Indien gilt die Lotusblüte als Symbol der Reinheit, weil sie sich in der Dunkelheit verschließt und sich nur zur Sonne hin öffnet, die als Symbol für das Licht der Erkenntnis steht. Auch die cakras, die Zugänge, die wir der ṭantra-Kosmologie nach zu verschiedenen Bewusstseinsebenen haben, werden häufig als Lotusblüten dargestellt, wobei sie vier bis 1000 Blütenblätter haben und ebenfalls „geöffnet“ oder „geschlossen“ sein können.

Die Blüte im Symbol von Yogapur hat acht Blütenblätter – was grafisch gar nicht so leicht darzustellen war! (Danke noch mal an die Grafikerin, falls sie das liest!) Die acht Blätter stehen für die acht „Glieder“ oder „Flügel“ des Yoga, die Patañjali herausstellt. Sie symbolisieren die verschiedenen Weisen der inneren Ausrichtung und Haltung aus Ausdruck der einen Yoga-Erfahrung, die „Herz“ und Grund der Blüte ist.

Kann man Yoga lernen?

Nein, denn Yoga ist nichts, was man können kann. Jemand hat es einmal so ausgedrückt, dass man in Yoga eher etwas verlernt, nämlich unsere Wahrnehmung von der Wirklichkeit und uns selbst mit Vorstellungen zu überdecken, die unrealistisch sind, weil sie aus Hoffnungen und Ängsten stammen. Genau betrachtet, sind sie also nur Ausdruck früherer Verletzungen, die uns beeindruckt haben.

Was sich also erlernen lässt, ist die unrealistischen Deutungen und ihren Ursprung zu erkennen und so tatsächlich von ihnen frei zu werden!

Konzentration

Was ist Konzentration im Kontext von Yoga?
Welche Übungen empfiehlst du, um die Konzentration zu trainieren?

Konzentration wird im Yoga meist als Vorstufe zur Meditation betrachtet. Der Sanskrit-Begriff bei Patañjali, der mit „Konzentration“ übersetzt wird, lautet dhāraṇā, das sich vom Wortstamm für „halten“ ableitet. Konzentration in diesem Sinne bedeutet, im eigenen Bewusstsein zu ruhen. Das ist etwas anderes, als das effiziente Vorgehen, das wir üblicherweise unter „Konzentration“ verstehen.

Natürlich ist es möglich, die Konzentrationsfähigkeit zu schulen. Meine Lehrer heben jedoch hervor, dass es weder sinnvoll noch möglich ist, einen Teil von Yoga gezielt zu „trainieren“. Was wir stattdessen schulen, ist das Beobachten im eigenen Körper mit wohlwollender Neugier. Dann stellt sich die Konzentration von selbst ein, ohne dass man sich darum bemühen müsste. Aus demselben Grund empfiehlt Patañjali, für die gegenständliche Meditation einen Gegenstand auszuwählen, den man gerne mag (in Yoga Sūtra I.39), und Krishna sagt in der Bhagavad Gītā (VII.21) etwas ganz ähnliches. Dann ist man mit ganzem Herzen und voller Aufmerksamkeit dabei!

So gesehen lautet meine Übungsempfehlung zur Schulung der Konzentration: Das eigene Erleben mögen! Je wohlwollender die innere Atmosphäre, desto weniger Ablenkung ist nötig und desto mehr Klarheit entsteht.

Close
Go top